Montag, 23. März 2015

Expertenwissen oder eine Begabung


Kaum hatte Cara ihre Erkältung abgeschüttelt, erwischte es mich, aber nicht zu knapp. Hohes Fieber, Schnupfen, Halsschmerzen und Husten. Also das volle Programm. Ich kam nicht darum herum und musste Salbeitee trinken. Mein Bruder hat mir täglich eine leckere Hühnersuppe gekocht, doch ich habe nur Salz herausgeschmeckt. Überhaupt schmeckte alles wie Pappe. Cara ist dann losgezogen und hat im Supermarkt, wo es die vielen Sorten Honig gibt, diverse Gläser eingekauft, wohl aus doppelt schlechtem Gewissen, weil sie mich angesteckt hatte und auch weil sie die Vorräte aufgeschleckt hatte. So nach zwei Wochen konnte ich dann den Unterschied zwischen Tannenhonig, Kleehonig, Thymianhonig herausfinden. Nur fühlte ich mich immer noch schlapp und konnte mich kaum auf den Beinen halten.

Da sagte mein Freund Fritz: „Jetzt muss was passieren. Zottel muss wieder zu Kräften kommen.“ Und Fritz redet nicht viel, sondern handelt. Also stattete er Joe the Cook, dem derzeit angesagten Fischkoch der Stadt, einen Besuch ab und vereinbarte mit ihm, dass mir jeden Tag ein anderes Lachsgericht geliefert wird. Zuerst fand ich das toll. Doch dann fiel mir ein, dass das ja viel Geld kostet. Der arme Fritz! Er ließ sich aber nicht beirren und meinte, ich solle mir mal keine Gedanken machen, er kenne Joe ganz gut und beliefere ihn oft genug mit Fisch, wenn er einen guten Fang gemacht habe.

Nachdem ich das wusste, schaufelte ich genüsslich die leckeren Sachen in mich hinein. Ich schmeckte auch alles viel intensiver als vor meiner Krankheit. Cara meinte, das sei normal. Eine schwere Krankheit verändere einen Menschen, und das gelte wohl ebenso für Bären. So genoss ich mein Essen, das jeden Tag angerollt kam, sozusagen Essen auf Rädern für Teddys. Fritz kam jeden Tag vorbei und fragte: „Na, wie hat es dir heute geschmeckt?“ Mein Bruder hakte gleich nach und wollte wissen: „Und was hast Du genau geschmeckt?“ Er schrieb immer brav auf, was ich ihm sagte, ob der Fisch gegrillt, geräuchert oder gekocht wurde, welche Kräuter und Gewürze dabei waren. Eines Tages kam Joe the Cook selbst vorbei und mein Bruder hat ihm seine Aufzeichnungen gezeigt. Da hat er aber gestaunt, dass ich hinter seine Küchengeheimnisse gekommen war und meinte: „Also Zottel, du bist ein echter Saumonlier“. Ein was, bitte, fragte ich mich. Diese Köche müssen ja immer französisch sprechen. Nur mein Bruder jubelte und kriegte sich gar nicht mehr ein: „Zottel, guck nicht so fragend. Was ein Sommelier für Wein ist, bist du für Lachs. Und im Grunde auch für Honig, also ein echter Mielier. Ich habe es schon immer geahnt, dass wir uns viel ähnlicher sind als gedacht. Ich bin der Theoretiker, du bist der Praktiker in Sachen Essen.“ Auch wenn ich seine Begeisterung nicht so recht teilen kann, bin ich doch froh, dass ich diese Begabung habe und nicht er, dass ich der praktisch Veranlagte bin.

Mittwoch, 25. Februar 2015

Das Leben ist kein Honigschlecken


Cara war krank. Halsschmerzen und einen bösen Husten hatte sie. Jede Nacht schreckte ich hoch und glaubte, ein Hund sei im Nebenzimmer. Wenn man da so aus dem Schlaf gerissen wird, denkt man an das Schlimmste. Werwölfe, schoss es mir durch den Kopf, und das Gruseln begann. Doch dann wurde mir schlagartig klar, dass es ja nur Cara war, die solche absonderlichen Geräusche fabrizierte. Mein Bruder, der nachts ebenfalls keine Ruhe fand, hat ihr natürlich eine leckere Hühnersuppe gekocht. Das hilft immer, denkt man. In ihrem Fall aber nicht. Letztlich ist sie dann doch zu ihrer Ärztin gegangen, um sich Rat zu holen. Ich hatte erwartet, dass sie bei ihrer Rückkehr eine große Tasche voller Medikamente mitbringt. Doch die Ärztin hatte ihr nur den Rat gegeben: „Essen Sie viel Honig, aber den guten, nicht den Industriehonig.“ Also hat sie sofort alle Vorräte an Honig hervorgekramt und die guten für sich reserviert. Wir machten Neese, eine lange.

Doch damit nicht genug. Es sollte noch schlimmer kommen in der letzten Woche. Auch wenn uns der Honig entzogen wurde, hat es meinen Bruder nicht daran gehindert, weiterhin Koch-Shows zu gucken. So auch am letzten Samstag: Lafer! Lichter! Lecker! Und in der Tat sah sehr lecker aus, was Herr Lafer da an Fischgerichten auf die Teller zauberte. Ich habe richtig Appetit bekommen. Da die Köche aber nicht  still vor sich hin brutzelten, sondern  sich und die Zuschauer unterhielten, kam das Thema alte Teddybären auf und man stellte fest, dass sie von unschätzbarem Wert seien. Das hätte ich ihnen vorher sagen können, wir Teddybären sind einer Wertschätzung würdig. Doch als in der Sendung von Wert die Rede war, war damit Geld gemeint, sehr viel Geld. Und wie das Sprichwort schon besagt, verdirbt es oft den Charakter. So sagte mit einem Mal der Lichter, und das sogar vor laufender Kamera: „Seitdem klaue ich die alle.“*) So ein Horst! Da schrillten bei mir aber die Alarmglocken. Wir sind in Gefahr! Sobald er einen von uns erwischt, nimmt er ihn mit, einfach so, um sich zu bereichern. Beim Abspann habe ich mich dann wieder beruhigt, denn die Sendung wurde vom ZDF ausgestrahlt und Mainz ist weit weg.

Meine Beruhigung sollte allerdings nicht lange andauern. Cara hatte meine Entrüstung mitbekommen, stand völlig entspannt in der Tür – den Löffel mit dem leckeren Waldhonig genüsslich abschleckend – und meinte, gedreht werde die Sendung in Hamburg. Sie hatte die Ruhe weg, aber ich nun nicht mehr. Seitdem lade ich alle Teddybären der Umgebung zu einem Treffen ein. Das ist natürlich nicht solch ein Treffen, wie Cara es mit ihren Freundinnen veranstaltet, wo nur gegessen und getrunken wird und sie sich über Belanglosigkeiten unterhalten. Bei uns geht es ums Ganze. Jetzt brauchen wir nur noch ein Aushängeschild. Goldie will seine Beziehungen spielen lassen und eines in Auftrag geben. Ich finde ja, der grimmige Gesichtsausdruck der Bären vom Bären-Treff zeigt gut, was in uns vorgeht. Die einen wollen nicht vernascht und die anderen nicht geklaut werden. Hier geht es um unsere Sicherheit. Und nun ist es wohl bei allen angekommen, dass das Leben der Bären kein Honigschlecken ist. 

*) Video vom 21. Februar: bei -3.50

Montag, 9. Februar 2015

Winterschlaf, Fasching, Wahlen und Demokratie


Auch in diesem Jahr bin ich meinem Urinstinkt gefolgt und habe einen kurzen Winterschlaf gehalten. Eine große Müdigkeit hatte mich befallen und da habe ich mich nicht gequält, sondern aufs Ohr gelegt und einfach mal nichts getan. Cara sagt, sie hätte auch gern mal nichts getan, aber eine müsse ja die Brötchen verdienen. Mein Bruder hat ihr zugestimmt und hat die Brötchen gebacken. Er hatte ein neues Rezept entdeckt. Es ist kaum zu glauben, wo es in diesem Land doch so viele Brotsorten gibt, da findet er noch ein neues Rezept. Ich kann nichts dazu sagen, ob die Dinger geschmeckt haben, denn ich habe die Brötchen-Premiere verschlafen. Auf jeden Fall musste Cara nicht wieder zum Zahnarzt oder sie hat das Zeug erst gar nicht probiert. 

Nun bin ich genau zur Faschingszeit wieder aus dem Dämmerschlaf aufgewacht, und das mit einem Bärenhunger. Glücklicherweise hat man mich aber bis jetzt mit den Berlinern verschont, die es seit Neujahr in den Bäckereien gibt. Damit es keiner missversteht, die liegen da nicht seit Neujahr herum, sondern werden täglich neu gebacken. Und die Menschen kaufen und essen diese Fett-Ballen, können scheinbar nicht genug davon bekommen und wundern sich, dass sie immer dicker werden. Doch bald ist ja Valentinstag. Da kommen andere süße Sachen ins Regal, die eher nach meinem Geschmack sind. Kekse mit rotem Zuckerguss zum Beispiel oder Schokoladentörtchen mit einem roten Marzipanherzen oben drauf. 

Ja, man muss die Feste feiern, wie sie fallen, sagte schon Caras Opa. Und bei uns findet am Sonntag, gleich nach dem Valentinstag, eine Party statt, denn in dieser Stadt wird gewählt. Es ist Tradition, dass Cara dann ihre Freunde einlädt und jeder etwas Leckeres zu essen mitbringt. Kaum ist die erste Hochrechnung durch, erlahmt das Interesse am Politgeschehen und alle machen sich über das Essen her. Dann steht im Grunde nämlich fest, wer Einzug in die Bürgerschaft hält, wer das Rennen gemacht hat und Erster Bürgermeister wird. Das darf ich so natürlich nicht sagen, dann heißt es gleich voller Empörung, es bleibe bis zum Schluss spannend. Es komme auf die Sitzverteilung an, ob man einen Koalitionspartner brauche und wer dafür infrage käme. Außerdem könne es manchmal für die eine oder andere Partei ganz schön knapp werden, auch mit den 5%. 

Cara hat übrigens schon gewählt. Ob sie das mit der Hilfe des Wahl-O-Mats oder ohne hingekriegt hat, weiß ich nicht. Doch sie will mir auf keinen Fall verraten, wo sie ihre Kreuzchen hingesetzt hat. Da macht sie ein Riesengeheimnis drum. Die Wahlen seien schließlich geheim und sie sei sehr, sehr froh, in einem Land zu leben, wo Demokratie herrsche. 

Oh, sie mag gern in diesem Land leben!? Neulich klang das noch ganz anders. Ich habe vergessen, was passiert war. Doch sie war stinkwütend, zerknüllte die Zeitung zu einem Ball und kickte ihn in den Papierkorb. Ich dachte, Rumpelstilzchen sei bei uns zu Gast, so außer Rand und Band schrie sie: „Ich glaube, ich will in diesem bekifften Land nicht länger leben!“ Als ich sie fragte, welches denn ihr Traumland sei und warum, bekam ich zur Antwort, das werde ich dann schon sehen. Also wenn man mich fragt, entweder kann sie sich nicht entscheiden oder es muss wieder geheim bleiben. Denn schließlich hält sie viel von Demokratie.

Donnerstag, 22. Januar 2015

Altruist sein – gönnen können


Ich freue mich immer, wenn meine Nachbarn nicht arbeiten müssen, es sich gutgehen lassen  und in Urlaub fahren. Schließlich soll man anderen Schönes gönnen, dann sei man ein Altruist, hat Cara mir erklärt. Und wenn man sich freut, dass es andere gut haben, dann bekommt man meistens auch was zurück, sei es vom Universum oder – wie in meinem Fall –  von den Nachbarn. Das klappt. Meine Leser sollten das ruhig mal ausprobieren. 

Dieses Mal haben mir meine Nachbarn eine Karte geschickt. Keine Ansichtskarte von dem Ort, an dem sie ihre Ferien verbracht haben, sondern eine bärige Zottelbär-Karte. Ich fand, das war eine wunderschöne Idee. Sie haben sich also gedacht, ach, der arme Zottel sitzt in der Kälte und kann nicht verreisen, da geben wir von unserem Glück etwas ab und machen ihm mit einer Karte eine Freude. Das hat funktioniert. 

Mein Bruder war allerdings nicht so begeistert. Er hätte es schöner gefunden, wenn er mit ihnen auf die Reise gedurft hätte oder sie zumindest etwas aus dem Urlaub mitgebracht hätten. Das fand ich ziemlich egoistisch. Nur weil er versessen aufs Essen ist, hat er an das Mitbringsel von vor zwei Jahren gedacht. Da waren sie nämlich auf Sizilien und hatten Dolci mitgebracht. Für alle, die nicht wissen, was Dolci sind, es handelt sich dabei um wunderbare Gebäckstücke. Und die Sizilianer – Mafia hin, Mafia her – sind Meister im Herstellen dieser Köstlichkeiten. 

Da es diesmal keine Süßigkeiten gab, hat mein Bruder versucht, diese Marzipan-Mandelkekse nachzubacken. Ich will ja nicht schlecht über ihn reden, doch lecker waren die nicht, aber steinhart. Cara hat beherzt hineingebissen und musste anschließend zum Zahnarzt, weil ihr ein Stück Zahn weggebrochen war, ausgerechnet von einem Schneidezahn.  Da sah sie aus wie eine Hexe. Doch das habe ich ihr natürlich nicht gesagt.  Der Vorteil war, sie hat bis zum Zahnarzttermin nicht viel geredet. Unglaublich, wie still es hier war.

Um den Schaden zu beheben, hat der Arzt  ihr dann eine Krone auf den Zahn gesetzt. Der Name Krone sagt eigentlich schon alles. Danach benahm sie sich wie eine Königin. Hat gestrahlt und geprahlt und erzählt, dass keiner mehr zu Wort kam. Da blieb mein Altruismus ziemlich auf der Strecke. Ich konnte mich gar nicht richtig mit ihr freuen, so sehr ging mir ihr Redeschwall auf die Nerven. Doch damit hatte es ein abruptes Ende, als die Zahnarztrechnung ins Haus kam. Plötzlich wurde sie ganz still, hat traurig auf ihre Kontoauszüge  geblickt und ziemlich viel arbeiten müssen. 

Wer jetzt denkt, das hätte mich gefreut, der irrt. Leid hat sie mir getan. Heinrich und ich haben also unser Erspartes genommen und sind mit dem Zaster zu Monsieur Toddier gegangen. Wer hier nicht regelmäßig liest, muss wissen, Monsieur Toddier besitzt die schönste Pâtisserie der Welt. Baumkuchen-Torte ist Caras Lieblingskuchen. Bäume haben harte Rinde, dachte ich sofort. Wir wollten schließlich kein Risiko eingehen und haben uns für Biskuitkuchen mit Zitronensahne entschieden. Hatte auch den Vorteil, dass man drei Schnittchen für den Preis eines Stücks Baumkuchen bekam. Passte perfekt, schließlich müssen wir uns auch mal was gönnen.
Keine Baumkuchen-Torte für Cara

Sonntag, 11. Januar 2015

Paddington – very british


Das neue Jahr hat recht stürmisch begonnen. Sogar Cara ist zuhause geblieben, hat zwar oft den Fernseher angestellt, um informiert zu sein, letztlich aber eine DVD mit dem Titel „16 Uhr 50 ab Paddington“ eingeschoben. 

Ich erwartete also, dass dieser englische Bär mit Schlapphut und braunem Mantel erscheint. Doch zu sehen bekam ich einen Krimi. Ich hätte es wissen müssen, Cara liebt Krimis, vor allem wenn sie in England spielen. Es war leider auch noch ein Schwarz-Weiß-Film, ziemlich langweilig, wenn man mich fragt. Somit achtete ich weniger auf die Handlung, sondern hing meinen Gedanken nach.

„Du, Cara, ich will ja nicht stören, aber wieso heißt dieser englische Bär nicht Jimmy, John oder Henry, sondern Paddington wie die Londoner Bahnstation?“ „Zottel, nicht jetzt, lass mich den Film gucken.“ Ehrlich gesagt, hatte ich die Vermutung, sie wusste es nicht, warum der Bär solch einen komischen Namen hat und darum ließ ich nicht locker. „Ich finde das seltsam, da könnte ich ja Schlump heißen oder Blankenese.“ Cara seufzte tief und stoppte die DVD. „Pass mal auf, Zottel, Paddington heißt Paddington, weil er auf der Bahnstation gefunden wurde.“ Das hat mich geschockt. „Oh, hat man ihn etwa ausgesetzt, so wie Jens Eltern Heinrich auf die Mauer gelegt haben?“ „Nein, Zottel, Paddington ist als blinder Passagier per Schiff aus dem finstersten Peru gekommen. Dann hat er in London um Asyl gebeten und eine Familie hat ihn bei sich aufgenommen. Das ist seine Geschichte.“ Da hat es mir die Sprache verschlagen. Ein Bär mit Migrationshintergrund! Und Glück hat er gehabt mit seiner Familie. Der Mann war zwar erst reichlich skeptisch, aber die Frau hat gleich ihr großes Herz bewiesen und gemeint, man könne ihn ja nicht so  allein draußen in der Kälte stehen lassen.

Ehrlich gesagt, dass Paddington aus Peru stammt, hätte ich nun nicht gedacht. Da vermutet man doch, dass er einen bunten, gewebten Poncho trägt, Panflöte spielt und eine Strickmütze auf dem Kopf hat. But he looks very british, wenn ich das mal so sagen darf. Na ja, meine Leser wüssten ja auch nicht, dass Heinrich und ich aus Asien stammen, hätte ich es nicht hier im Blog ausgeplaudert. Ich finde, Paddington hat ganz schön Glück gehabt mit seiner englischen Familie. Heinrich und ich aber auch, denn nicht nur Cara ist es völlig egal, aus welchem Land wir stammen, auch ihre Nachbarn und Freundinnen interessiert es nicht. Sie lieben uns, wie wir sind, auch wenn wir manchmal ganz schön nerven und während eines Films Fragen stellen, die stören.